Notiz aus gegebenem Anlaß: Zum 200. Geburtstag von Karl Marx

Wenn der Wert der historischen Kontextualisierung Marxens darin bestehen sollte, dass er mit der Analyse von Kapital und Arbeit uns zu einem kritischen Nachdenken über unsere heutigen (von der neoliberalen Ideologie kontanimierten) Überzeugungen zum Verhältnis zwischen beiden Polen anhält, dann sehe ich nicht ein, warum man im Lichte dieser Interpretationen nicht zu dem Ergebnis gelangen könnte, dass Alternativen sowohl möglich als auch wünschenswert sind. Die erstaunliche Entwicklung der Produktivkräfte, die von Marx vorausgesagte Konzentration von Kapital in immer weniger Händen und seine anthropologischen Untersuchungen vom Wert der Arbeit für den Menschen schreien geradezu nach politischen Antworten und Gestaltungsspielräumen, um entscheiden und gesetzlich festzulegen, was wir, warum, wie und für wen arbeiten und produzieren. Die Transformation des „Reichs der Notwendigkeit“ in das „Reich der Freiheit“ wird nie gänzlich vollzogen werden können. Das bedeutet aber, dass wir nicht wie „Idioten“ (Rudi Dutschke) am Ende der Geschichte stehen, wie wir das seit 1989 glauben, sondern diese weiterhin MACHEN können.

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Von der Externalisierung zur Binnenexternalisierung? – Entwicklung einer These

In seiner Rezension ‚Aufstand der Eingebildeten‘ bezeichnet Stephan Lessenich Oliver Nachtweys Buch ‚Die Abstiegsgesellschaft‘ als „ein auf irritierende Weise deutsches Buch.“ (vgl. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/oliver-nachtweys-buch-die-abstiegsgesellschaft-14421771.html) Dies deshalb, weil bei der Analyse wirklicher oder gar imaginierter sozialer Abstiege der globale Kontext des ‚Aufbegehrens in der regressiven Moderne‘ ausgeblendet wird. Im Kern wird die Krise der Demokratie und rezenten Gesellschaft in Deutschland als die Aufkündigung jenes Versprechens sozialer Mobilität, sprich: des materiellen Aufstiegs, gedeutet, das als Motor des fordistischen Gesellschaftsmodells – basierend auf Vollbeschäftigung und sozialen Bürgerrechte – diente. Der inkludierende „Fahrstuhl-Effekt“ der sozialen Moderne weicht dem desintegrierenden „Rolltreppe-nach-unten-Effekt“ der regressiven Moderne. Dabei sind Flüchtlingskrise, struktureller Rassismus, kulturalistische Islam-Hetze, brennende Asylheime und islamistische Terroranschläge Folgeerscheinungen sozioökonomischer Verwerfungen, die ihren Ursprung (auch) außerhalb des nationalen Kontextes haben. Diese Verwerfungen ihrerseits sind Effekte, deren Ursachen in einem westlichen Produktions- und Konsummodell begründet liegen, welches gleichsam die materiale Grundlage für das Aufstiegsversprechen bildete. Das regressive Moment der Reaktion ist die politische Antwort auf Krisen-Phänomene, deren Sinn nicht verstanden wird, weil die hinter ihnen liegenden soziökonomischen Zusammenhänge ausgeblendet, unterdrückt oder schlicht nicht gesehen werden. Sie sind sein blinde Fleck und deshalb läuft er rückwärts und versucht ein Modell am Leben zu erhalten, dessen Zeit und Funktion abzulaufen scheint. Die auf Konsum und Ausbeutung beruhende (und selten bewusst eingestandene) Lebensweise des globalen Nordens verhindert die Einsicht, dass der Aufstieg nicht ewig und für alle weitergehen oder zumindest nicht mehr auf diese Weise weiter gehen kann, weil er auf imperiale Voraussetzungen fußt, die selbst an ihre Grenzen kommen und die an ihrer immanenten Logik scheitern müssen.

Erweitert man nämlich die Perspektive im Weltmaß, so zeigt sich, dass der Mechanismus, soziale, ökonomische und ökologische Folgekosten von den nördlichen Industrieländern in die südlichen Ländern auszulagern, zunehmend schwieriger wird und nur um den Preis von Flüchtlingsbewegungen, Klimaerwärmung und Handelskonflikten und -kriegen aufrecht zu erhalten ist. Denn der Externalisierungsmechanismus, der auf der einen Seite Wohlstand schafft, weil er auf der anderen Seite Übelstand erzeugt, ist auf ein ‚Außen‘ angewiesen, auf das mittlerweile auch andere Länder des globalen Südens zugreifen. Wenn es jedoch zutrifft, dass die Auslagerung der Wohlstandskosten im zunehmenden Maße nicht mehr gelingt wie bisher, weil das ‚Außen‘, auf das hin ausgelagert wird durch ‚Schwellenländer‘ wie China, Indien, Brasilien usw. schrumpft (die sich selbst weigern als ‚Außen‘ zu fungieren), dann müssen politische Antworten und Gestaltungsspielräume eröffnet werden, um hiesige Produktions- und Konsumbedingungen zu ändern. (Beredtes und aktuelles Beispiel ist die Weigerung Chinas, Müll aus der europäischen Union zu importieren.) Diese geraten in das Blickfeld, sobald die Einengung auf den nationalen Fokus der sozialen Ungleichheit verlassen wird. Noch mehr: Dann können nationale soziale Ungleichheiten (auch) als Wirkung nachlassender Externalisierungseffekte verstanden werden, die zugunsten von Binnenexternalisierung – oder, martialisch ausgedrückt, von Selbstkannibalisierung kompensiert werden. Opfer dieser Selbstkannibalisierung sind die eh schon ökonomisch Schwachen der Gesellschaft, die kaum über politische Lobby verfügen oder wenig über mediale Kanäle verfügen, um Einfluss und Stimme geltend zu machen.

Die These, die ich entwickeln und begründen möchte, ist folgende: Die binäre Logik der Externalisierung, die besagt, dass das Zentrum (das Innen) einer Peripherie (eines Außen) bedarf, um auszulagern, wird im zunehmenden Grade ersetzt durch eine binäre Logik von Reich/Arm, innerhalb derer binnennational das ‚Oben‘ Kosten nach ‚unten‘ verlagert, um nachlassende oder dysfunktional werdende Effekte der Wohlstandsexternalisierung zu kompensieren. Beiden Logiken ist gemein, dass trotz des relationalen und kausalen Charakters beider Seiten (Ich lebe im Wohlstand, weil du im Übelstand lebst. Ich bin reich, weil du arm bist) der systematisch-historische Zusammenhang zwischen beiden Seiten verblendet, verdrängt oder vergessen wird.

Das Gespenst des Abstiegs

„Externalisierung“ und „Abstieg“ sind zwei Begriffe, mit denen sozioökonomische Entwicklungen beschrieben und analysiert werden. Sie sollen als Exemplare gelten, um inhaltlich das zu entfalten, was wir sozioökonomische Bildung heißen. Sie werden in einem eigenen Gedankengang in einen konfrontierenden und verbindenden Bezug zueinander gesetzt. Zuvor aber wird in einem gesonderten Beitrag das Buch „Die Abstiegsgesellschaft“ von Oliver Nachtwey besprochen.

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Das Gespenst des sozialen Abstiegs. Die Rede von der erodierenden Mittelschicht, die nach oben und unten ausfranst, hat sich in der bundesrepublikanischen Mentalität fest verankert. Sie manifestiert sich kollektiv. Wer zum oberen Teil der Mittelschicht gehört, hat gute Chancen in das Reich der Vermögenden aufzusteigen. Wer im unteren Teil der Mittelschicht siedelt, gehört dieser in Selbstvergewisserungsformeln zwar noch rhetorisch und emotional an. Realiter befindet er sich jedoch auf einer „nach unten fahrenden Rolltreppe“, auf der der Erhalt des Status Quo immer größer werdende seelische wie körperliche Kraftanstrengungen erfordert und mitunter selbstausbeuterische Züge annimmt.

Das Bild der nach unten fahrenden Rolltreppe ist die zentrale Metapher von Oliver Nachtweys Buch ‚Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne‘, in der der Baseler Soziologe eine sachlich differenzierte und damit unaufgeregte Analyse der aktuellen Sozialstruktur in Deutschland vornimmt. Damit positioniert sich Nachtwey gegen den vom 2015 verstorbenen Münchner Soziologen Ulrich Beck diagnostizierten „Fahrstuhleffekt“, der bis in die 1980er Jahre kennzeichnend für die bundesdeutsche Gesellschaft war. „Dessen Pointe war…dass Ungleichheiten zwar bestehen blieben, Arm und Reich im Fahrstuhl aber gemeinsam nach oben fuhren, weshalb die sozialen Unterschiede an Bedeutung verloren.“ (S. 126) Für den ‚Armen‘ ging es etwa zwar nur vom ersten Stock in den vierten, während der ‚Reiche‘ bis ins letzte Geschoss fuhr. Zumindest aber teilten sich beide die Fahrt von dem dritten in den vierten. Nun begnügt sich Nachtwey nicht mit dem einfachen Gegensatz von ‚Arm‘ und Reich’/’Oben‘ und ‚Unten‘ wie das Bild von der nach unten fahrenden bzw. nach oben fahrenden Rolltreppe suggeriert, in dem die sozialen Disparitäten zum Ausdruck kommen. Die Erschütterungen der sozialen Verhältnissen zeigen sich vielmehr material und zuvörderst in den Erschütterungen der Arbeitsverhältnisse: „Nicht im bloßen Anwachsen der sozialen Ungleichheit, sondern in den Erschütterungen der Arbeitsverhältnisse liegt die Hauptursache für den Übergang zur Abstiegsgesellschaft.“ (S. 137)

Fixpunkt seiner Analyse ist deshalb das Normalarbeitsverhältnis. An ihm lässt sich das rückschrittliche Moment im Übergang von der Vollbeschäftigungsgesellschaft zur prekären Vollerwerbsgesellschaft nachzeichnen. Denn das Normalarbeitsverhältnis war bis in die 70er und 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts vorherrschend. Normal galt ein Arbeitsverhältnis, das unbefristet und in Vollzeit ausgeübt wurde. Damit hatte es eine gesellschaftliche Integrationsfunktion. Es schützte dank seiner sozialen Sicherungsstandards vor Armut und Ausbeutung. Das Modell des Normalarbeitsverhältnisses, das im Mittelpunkt dessen stand, was Nachtwey die soziale Moderne nennt, erodiert in der regressiven Moderne. Sie ist nach ihm dadurch gekennzeichnet, dass der Fortschritt, der die nahezu vollständige Inkludierung der erwerbsfähigen Bevölkerung (insbesonderen der weiblichen) zu Folge hatte, mit einem Rückschritt einherging, der zunehmend prekäre , d.h. instabile, unsichere und widerrufbare Arbeitsverhältnisse, anwachsen ließ.

Der Dualismus zwischen Arbeitslosen und Arbeitnehmern, den es auch in der sozialen Moderne gab, wird nunmehr ergänzt durch einen internen Dualismus: den zwischen prekär Beschäftigten wie Leiharbeiter, Niedriglöhner oder ‚Aufstocker‘, die weniger Macht und Mitbestimmung haben und den sich verkleinernden Radius jener, die (noch) von der integrativen Kraft ihrer unbefristeten Stelle profitieren. Dieser Dualismus ist der Preis für Arbeit um jeden Preis. Einer Gesellschaft unter diesem Banner geht nicht die Arbeit aus, sondern deren integrative Funktion.

Nachtwey führt zwei Argumente ins Feld, um den Begriff Abstiegsgesellschaft zu legitimieren. Man könnte beide als Argument der doppelten Gebrochenheit zusammenfassen. Der Begriff ist zum einen berechtigt, weil die Normalität der Arbeitsverhältnisse gebrochen ist. In der Gesamtschau finde ein kollektiver ökonomischer und gesellschaftlicher Abstieg der Arbeitnehmer statt. Zum anderen wird ein Versprechen der Moderne gebrochen, das auf permanenten Fortschritt im Hinblick auf soziale Integration, relative Gleichheit und soziale Bürgerrechten berruht. In einer Gesellschaft des Rückschritts, deren Losung einst „Wohlstand für alle“ lautete, bedeutet das steigende Gefälle zwischen Menschen und Klassen ein Zurückfallen hinter ein bereits erreichtes soziales Entwicklungsniveau.

Zu den Schwierigkeiten einer politischen Antwort auf die neuen sozialen Verwerfungen und Brüche gehört, dass sich die prekären Arbeitsverhältnisse nicht mehr mit der Kategorie der Klasse in der Tradition von Marx fassen lassen, für deren Rehabilitierung in der sozialwissenschaftlichen Forschung – nicht zu Unrecht – just der französische Intellektuelle Didier Eribon plädiert. An die Stelle des Gegensatzes zwischen Besitzbürgertum und Proletariat sind Klassenstrukturierungen getreten, die komplex, heterogen sind und auf dem ersten Blick widersprüchlich erscheinen. Das Prekaritat lässt sich nicht als homogene Masse zusammenfassen, und damit in ihren Interessen bündeln. So hat der befristet beschäftigte Leiharbeiter, dem sein Mitbestimmungsrecht beschnitten wurde, mehr mit dem angestellen Lehrer zu tun, der über den Sommerferien arbeitslos ist, als mit dem unbefristet beschäftigten Kollegen derselben Firma. Die migrantische Putzfrau hingegen lässt sich kaum mit der von der Frauenquote profitierenden Managerin solidarisieren, deren Büro sie putzt. Während also auf horizontaler Ebene dank Identitätspolitik mehr Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau erkämpft wird, verschärft sich auf vertikaler Ebene der Gegensatz zwischen armen und wohlhabendenn Frauen. In kapitalistischen Marktgesellschaften sind Alter, Ethnie, Klasse, Nation und Geschlecht selbst zum Schauplatz von Ausbeutung und Unterdrückung geworden.

Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht wunder, dass rechtspopulistische Bewegungen und Parteien wie Pegida und AfD in den letzten Jahren nach und nach an Wirkmächtigkeit gewonnen haben. Aber auch linke Bewegungen bzw. Parteien wie Podemos in Spanien und Syriza in Griechenland können als Ausdruck des Aufbegehrens in der regressiven Moderne aufgefasst werden. Während für erstere kommende Zeiten nur insofern relevant sind, als sie zum Erhalt überlieferter Strukturen beitragen, wohnt letzteren ein teleologisches, auf eine bessere Zukunft gerichtetes Moment inne. Doch beiden Kräften scheint, so Nachtwey, der Weg versperrt. Er mündet gleichsam in die Aporie. Die soziale Moderne lässt sich nicht wieder rekonstituieren und gleichsam, im späteren Rückblick, in eine unterbrochene Kontinuität überführen. Der einst optimistische Blick progressiver Kräfte in die Zukunft verdüstert sich zusehends.

So luzide und einleuchtend die sozioökonomischen Analysen Nachtweys auch ausfallen, so einsilbig verhält er sich zu möglichen Lösungen für und Auswegen aus der regressiven Modernisierung. Lediglich als Stichwort erwähnt er am Ende seines Buches die „solidarische Moderne“, deren Konturierungen er hätte wenigstens andeuten können. Zumindest aber lassen sich an den konstruktiven Bürgerbewegungen eine Wiedergewinnung des politischen Lebens und des Politischen ablesen. Besteht nämlich das Fundament einer Demokratie darin, der Bevölkerung ein gewisses Maß an Gleichheit einzuräumen, um an politischen Entscheidungsprozessen mitwirken zu können, so sind solidarische Mechanismen unabdingbar, um diese (relative) Gleichheit wieder herzustellen. Diese aber sind politisch zu gestalten. Eine an die Systemimmanenz des Kapitalismus andockende Lösung wäre den durch sie entstandenen Reichtum gesellschaftlich dort abzuschöpfen, wo er entsteht: an den Orten, wo er kummuliert. Vermögensteuer, Erbschaftssteuer, Transaktionssteuer sind probate und immer wieder in der politischen Arena zur Diskussion gestellte Mittel, um etwa der sozial-ökonomische Disparität zwischen Land und Stadt entgegenzuwirken. Auch die Frage, wie sich die erhöhten Produktivitätsgewinne – etwa durch eine Maschinensteuer – gesamtgesellschaftlich realisieren und verteilen lassen, ist und bleibt virulent. Hier könnten auf konkreter menschlicher Ebene solidarische Akte die staatlichen widerspiegeln: Nimmt eine Gemeinde mehr Flüchtlinge auf als sie sollte, legt sie besonders viel Wert auf die Rekommunalisierung der Daseinsgüter wie Nahrung, Wohnung und Bildung wird sie durch vermehrte Zuschüsse für Infrastruktur, Kultur und Soziales belohnt. Die Integrationsfähigkeit einer Gesellschaft nimmt dann in dem Maße zu wie die politischen Rahmenbedingungen für Solidaritätsformen wachsen. Der Weg in die solidarische Moderne führt über die Wiedergewinnung der politischen Mitwirkungsmöglichkeiten.

Rosa, Hartmut: Resonanz : Eine Soziologie der Weltbeziehung. — IRP Blog

Rosa, Hartmut: Resonanz : Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin 2016. 815 S. ISBN 978-3-518-58626-6. Hartmut Rosa hat mit seiner Resonanz-Theorie einen Nerv getroffen. Viele Themen, die Menschen heute bewegen, lassen sich unter dem Dach dieser Soziologie der Weltbeziehung unterbringen. Resonanz ist ein Begriff mit einem erstaunlich großen Anwendungsspektrum. Der Soziologe Hartmut Rosa, Professor an der […]

über Rosa, Hartmut: Resonanz : Eine Soziologie der Weltbeziehung. — IRP Blog

Die Externalisierungsgesellschaft und ihre Freunde

Cover zu Stephan Lessenich Neben uns die Sintflut

Der Münchener Soziologe und Postwachstumsozialtheoretiker Stephan Lessenich behandelt in seinem neuen Buch ‚Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis‘ das Konzept der Externalisierungsgesellschaft. Seine Leitthese lautet verkürzt: Die Gesellschaften des reichen Nordens „lagern die negativen Effekte ihres Handelns auf Länder und Menschen in ärmeren, weniger ‚entwickelten‘ Weltregionen aus.“ (S. 24) Und zwar hier und jetzt. Nicht nach uns. Ausgehend davon untersucht er aus soziologischer Perspektive die Strukturen, Mechanismen und Praktiken der Externalisierung, mithin die Arten und Weisen, wie moderne Gesellschaften des globalen Nordens Gewinner auf seiner Seite erzeugen, indem sie Verlierer auf der anderen Seite hervorbringen. Diesbezüglich thematisiert er seine Gedanken im Rahmen einer Soziologie der Externalisierungsgesellschaft. Die Logik des Gegenstandes macht es dabei notwendig, das ‚Weltsystem‘, die wechselseitige Bedingtheit zwischen konstruiertem ‚Innen‘ und ‚Außen‘, zwischen Zentrum und Peripherie, in den Blick zu nehmen. Nur aus einer dialektischen und nicht dichotomischen Sichtweise heraus wird die Funktions- und Strukturweise der Externalsierungsgesellschaft sicht- und verstehbar.

Externalisierung bzw. Auslagerung ist der kapitalistischen Wirtschaftsweise systemisch eingeschrieben. Im Verein mit geopolitischer Machterweiterung betreiben hochindustrialisierte Gesellschaften die geoökonomische Expansion im globalen Maßstab – mit dem Ziel, Kapital zu akkumulieren, um den Wohlstand der (wenigen) Nationen zu mehren. Es geht ihnen darum, politisch und ökonomisch mächtig zu werden und zu bleiben. Die Folgen sind für jedermann ersichtlich oder sollten ersichtlich sein: Die Kehrseite unseres Wohlstandkapitalismus ist der Übelstand der anderen, wobei der Zusammenhang zwischen beiden Seiten ignoriert, verdrängt und vergessen wird. Die Relation zwischen den Gewinnern des Nordens und den Verlierern des Südens lässt sich durch eine Kon-junktion ausdrücken: Es geht uns gut, weil es den anderen schlecht geht. Lessenich beschreibt (in einem zuweilen polemischen und an manchen Stellen sarkastischen Duktus) und analysiert den ungleichen Tausch zwischen Zentrum und Peripehrie im globalen Kapitalismus: „In weiter Ferne, an den vielen Peripherien der kapitalistischen Weltökonomien, werden Arbeiten erbracht, Ressourcen gefördert, Giftstoffe freigesetzt, Abfälle gelagert, Landstriche verwüstet, Sozialräume zerstört, Menschen getötet – für uns, für die Menschen in den Zentren des Wohlstandes für die Ermöglichung und Aufrechterhaltung ihres Lebensstandards, ihrer Lebenschancen, ihre Lebensstils.“ (S. 180) Wie in einer semipermeablen Membran gelangen Ressourcen in das ‚Innen‘ der Externalisierungsgesellschaft, während die negativen Effekte der Ausbeutung von Mensch und Natur im ‚Außen‘ bleiben.

Zugrunde liegt dem Prozess der Externalisierung strukturelle Machtasymmetrien, Ausbeutungsmechanismen und ein spezifischer Externalisierungshabitus. Um die Externalisierungsgesellschaft und ihre Freunde zu verstehen, analysiert Lessenich diese drei Dimensionen. Für die Strukturebene gilt: „Jede im Weltungleichheitssystem eingenommene Position ist im Verhältnis zu und im Zusammenhang mit anderen, korrespondierenden Positionen im selbigen zu sehen. Und nur als solche, als solchermaßen kontextualisierte und relationierte Positionierung, ist eine konkrete Ungleichheitslage überhaupt zu verstehen.“ (S. 53) Dies bedeutet, dass das Bündel unserer Lebens-, Arbeits-, Produktions- und Konsummuster zusammenhängt mit dem Bündel an Lebens-, Arbeits- und Produktionsbedingungen andernorts. Am Rohstoff Sand wird dies beispielsweise deutlich. Während für die sandintensive Fracking-Technologie zur Erschließung unkonventioneller Erdgasvorkommen der Verbrauch an Sand in den USA in den letzten Jahren immens gestiegen ist, zerstört man in Indonesien zu seiner profitablen Gewinnung Natur und Lebensräume und sorgt für schlechte Arbeitsbedingungen.

Der primäre Mechanismus der Herstellung sozialer Ungleichheit – Mehrwert in den hochindustrialisierten Ländern, materielle Armut und Naturraubbau im Süden – heißt bei Lessenich pragmatisch Ausbeutung. „Ausbeutung findet immer dann statt, wenn Menschen über eine Ressource verfügen bzw. über diese in einer Weise verfügen können, die sie dazu befähigt, andere Menschen zur Produktion eines Mehrwerts zu bringen, von dessen Genuss die Produzierenden selbst wieder ganz oder teilweise ausgeschlossen bleiben.“ (S. 58) Ausbeutung ist der modus operandi der Externalisierungsgesellschaft. Im Weltsystem werden die Kosten der Produktion auf jene abgewälzt, die von den Profiten derselben Produktion ausgeschlossen werden.

Aber wer will das schon wissen? Die Praxis der Externalisierungsgesellschaft beruht deshalb auf individuellem und kollektivem Vergessen. Es geht näherhin um Abspaltung, Ablenkung, Umleitung jener habituellen Anteile, die mit der Auslagerung der Kosten ins vermeintliche ‚Außen‘ einhergehen. Es ist das Wissen um die negativen Effekte der Externalisierung, die nicht einfach verschwinden. So wird in der Praxis der Externalisierungsgesellschaft der Geschädigte zum Schuldigen degradiert, etwa wenn zur Beruhigung des eigenen Gewissens Spenden fließen und mit dieser sozialen Praxis gleichsam Überlegenheit demonstriert und Dankbarkeit eingefordert wird.

Die Strukturlogik des modernen ‚Weltsystems‘ Externalisierungsgesellschaft lautet kurz: Ohne Armutskapitalismus kein Wohlstandskapitalismus. Aus Lessenichs Analyse gehen nicht direkt „Hinweise darauf hervor, wie eine andere Welt, eine Welt jenseits der Externalisierung möglich wäre bzw. ermöglicht werden könnte.“ (S. 193) Sein Beitrag beschränkt sich zunächst bescheiden auf die Aufklärung verdrängter Zusammenhänge, die wir alle irgendwie wissen, die wir aber zugunsten der Aufrechterhaltung des Status quo akzeptieren und in unsere Lebensweise integriert haben, so dass sie uns naturgegeben erscheinen. Dennoch wirft Lessenich am Ende seines Buches einige Lichtblitze in Richtung dunklen Horizont. Die Ohnmacht der von der Externalisierungsgesellschaft Ausgebeuteten und Abgehängten sei zu überwinden durch kollektive Selbstermächtigung. Zwar ist es richtig, dass die Beiträge einzelner Handlungen (Konsumverzicht, Freiwilliges Soziales Jahr an den Peripherien der Wohlstandsgesellschaf) Vorwegnahme einer kommenden realen Utopie seien. Dennoch brauche es überindividuelles, d.h. kollektives Handeln in Form von überlokalen und transnationalen Allianzbildungen zwishen den vielen tausend Initiativen und Organisationen, Netzwerken und Bewegungen. In der Verschränkung von individuellem und überindivduellem, im Rahmen eines repolitisierten Handelns könnte eine Transformation der Externalisierungsgesellschaft gelingen.

Freilich ist die These, dass wir auf Kosten anderer leben, nicht besonders originell. Das Konzept der Externalisierungsgesellschaft verweist denn nicht so sehr auf etwas Neues, was die Kolonialismusforschung nicht auch schon historisch-empirisch nachgewiesen hätte. Vielmehr hat es einigen heuristischen Wert. Es hilft, die globalen Ungleichheitslagen zu erklären und damit zu verstehen, warum und wie sie zustande kommen. Es setzt uns dank seines holistischen Ansatzes instande, den inneren Zusammenhang aller scheinbar getrennten Weltgeschehnisse zu erkennen – um es mit einem Wort von Elmar Altvater auszudrücken, dem emeritierten Berliner Professor für Politische Ökonomie. Holistisch bedeutet dabei nicht, monolitisch auf der einen Seite ‚Wirtschaft‘ über abstrakte Modelltheorien zu verstehen und auf der anderen ‚Gesellschaft‘ aggregierte Informationen zur Bevölkerungsstruktur, Sozialsystemen und -charaktere zu sammeln. Holistisch bedeutet die Herstellung und Aufklärung von sozioökonomischen Zusammenhängen im Weltmaßstab. Das Auffinden des missing link, der Verbindung zwischen ‚unseren‘ und ‚deren‘ Verhältnisse hilft dann zu verstehen, warum wir nicht von unserer westlichen Lebensweise lassen können. Denn sie erscheint uns als richtig, als rational. Die Irrationalität hingegen wird ausgelagert. Sie fällt uns aber mittlerweile buchstäblich auf die Füße: Klimawandel, Migrationsbewegung, Naturzerstörung. Reflexiv zu verstehen, dass und warum etwa Flüchtlinge etwas mit uns und unseren Lebens-, Arbeits- und Konsumbedingungen zu tun haben, ist Aufgabe und Ziel einer sozioökonomischen Bildung. Ihr widme ich mich in einem kommenden Blog.

Nichtbeantwortung der Frage: In welcher Art von Gesellschaft leben wir?

„There is no such thing as society.“ Mit diesem Zitat leitete Margaret Thatcher, und ihr Bruder im Geiste: Ronald Reagan, Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die neokonservative und neoliberale Wende ein, die – allen Unkenrufen zum Trotz – bis heute sozioökonomische Folgen bzw. Verwerfungen zeitigt, die schon Gegenstand zahlreicher Publikationen geworden sind. Das Zitat drückt einen Gedankenwechsel aus: Nicht mehr assoziieren sich Individuen dank eines Gesellschaftsvertrages. Sondern der Markt bringt die wechselseitigen Eigeninteressen dank seiner „Weisheit“ zum Ausgleich. Das Solidarprinzip wird durch das Prinzip der Eigenverantwortung abgelöst. (Wobei durchaus die Idee virulent zu machen wäre, Eigenverantwortung und Solidarität als zwei Seiten einer Werte-Medaille zu betrachten. Individuelle Entscheidungen und Antworten auf Fragen der Lebensführung sind auch eingebunden in kollektive Entscheidungen und Handlungen. Wer sich für ein Haus im Grünen entscheidet, hat bald kein Haus im Grünen mehr, wenn sich alle dafür entschieden.) Wo der Markt für Regulierung sorgt, brauchen Einzelne – konsequent zu Ende gedacht – keine institutionell verankerten Normen, Regelungen und Konventionen. Der Staat „verschlankt“ sich, der Markt erfasst tendenziell alle Gesellschaftsbereiche.

Natürlich ist das Zitat logisch unsinnig: ebenso ließe sich schwerlich behaupten, dass es so was wie ein Individuum nicht gäbe. Es ist, als ob man sagte, es gäbe zwar tausende von verschiedenen Blumen auf einer Blumenwiese, aber keine Blumenwiese. Ohne ein Wir gibt es kein Ich. Zugleich aber spielt das Zitat auf die abstrakte Größe Gesellschaft an, unter der man sich schlechthin nichts vor-stellen kann: Eine essenzialistische Auffassung von Gesellschaft kann es nicht geben. DIE Gesellschaft in ihrer verdinglichten Form gibt es nicht. Sie muss bestimmt werden als eine ART von Gesellschaft. Wir leben in einer bestimmten Art von Gesellschaft. Diese Bestimmung vollzieht sich aus je eigenen Interessen folgenden Perspektiven.

Jemand, der unsere Gesellschaft eine bundesrepublikanische Gesellschaft nennt, verfolgt Interessen der Grenzziehung, nationale und die Souveränität betreffenden Interessen. Jemand, der unsere Gesellschaft als eine Multioptionsgesellschaft bestimmt, möchte auf wachsende Wahlfreiheit in Sachen Lebensentwürfen hinweisen, nicht aber ohne eine kritische Dimension in die Untersuchung einfließen zu lassen, um negative Aspekte wie Überforderung und Entfremdung zu verhandeln. In beiden Fällen wirft man wie mit einem Scheinwerfer ein Licht auf ein bestimmtes Phänomen der Gesellschaft und charakterisiert sie so auf spezifische Weise, was zu ihrer Er-hellung beiträgt.

In jüngster Zeit sind zwei Bücher erschienen, die den Begriff der Gesellschaft deskreptiv wie diagnostisch verwenden, um jeweils aspektuell ein bestimmtes Phänomen – das der sozialen Ungleichheit – unserer nationalen und globalen Gesellschaft zu beschreiben und zu kritisieren. Es handelt sich um die Bücher „Die Abstiegsgesellschaft“ von Oliver Nachtwey und „Die Externalisierungsgesellschaft“ von Stephan Lessenich. Beide Soziologen der sozialen Ungleichheit. Ihrer beider Interesse ist, die wachsende soziale Ungleichheit zwischen „Oben“ und „Unten“, zwischen dem „globalen Norden“ und dem „globalen Süden“ mit den Begriffen des Abstiegs und der Externalisierung (Auslagerung) analytisch zu erfassen und engagiert zu skandalisieren.

In einem folgenden Blog werde ich mich eingehend mit den beiden Texten beschäftigten. Dabei ist die Frage leitend, welche Bildung vonnöten ist, wenn man – wie die Autoren behaupten – in einer solchen Art von Gesellschaft lebt, die einerseits für immer mehr Menschen bestimmmter sozialer Zugehörigkeiten den materiellen Abstieg besorgt, während andererseits solche „Abgestiegenen“ einen Lebenstil pflegen, dessen Kosten andere anderswo in der Welt (er)tragen müssen. Demokratische Gesellschaften, die von sozialer Spaltung geprägt sind, verlieren ihre Kohäsion, Integrationskraft und bekommen Legitimationsprobleme. Es dürfte ein Anfang gewagt sein, aufzuklären, was es in der Gegenwartsgesellschaft heißt, abzusteigen und negative Effekte auszulagern.

Vergessene Zusammenhänge

Jede Gesellschaft braucht für ihre Legitimation und ihren Fortbestand Erzählungen. Es sind ihrer viele, die den sozialen Kitt unseres friedlichen Zusammenlebens ausmachen, auch wenn Mythen Frieden nicht allein herstellen und garantieren. Uns allen sind solche Mythen sehr vertraut. Sie sind in uns in Fleisch und Blut übergegangen und formen unseren Gesellschafts-Habitus mit. In unserer liberalkapitalistischen Gesellschaftsform herrschen u. a.  folgende vor:

  • Sozial ist, was Arbeit schafft
  • Unser Wohlstand fußt auf unserem Fleiß und unserer Produktivität
  • Wir lassen unser Geld für uns arbeiten
  • Wir haben jahrelang über unsere Verhältnisse gelebt…

Solche Mythen legitimieren unsere herrschende Lebensweise, so dass sie uns kaum frag-würdig werden. Wie jeder Mythos, enthalten sie ein Fünkchen Wahrheit. Gewiss: Säule unseres Wohlstandes ist nicht nur der Übelstand der anderen, sondern auch unsere protestantische Arbeitsethik. Ob diese indes alleine ausreicht, mag man mit guten Gründen bezweifeln. Denn: wird jene Bildung, die ansatzweise historisch wie kritisch vorgeht, bemüht, so wird ihre entmythologisierende Kraft unabwendbar: Arbeit ist überwiegend Lohnarbeit und steht im System kapitalistischer Wirtschaftsweise unter dem Druck des Mehrwertes. Schafft man Arbeit in der Prostitutionsindustrie oder im Segment der Internetindustrie, die Algorithmen erforscht, welche uns animieren sollen, auf Werbebanner zu klicken, so kann man vom „sozialen“ Charakter dieser Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen schwerlich reden, ganz zu schweigen vom „sozialen“ Charakter unterdurchschnittlicher Entlohnung. Dass wir nicht unser Geld für uns arbeiten lassen, sondern andere für unser Geld arbeiten müssen, vornehmlich in den Ländern des globalen Südens, liegt auf der Hand. Niemand käme auf die Idee zu behaupten, Geld vermehre sich allein, indem man es in den Tresor steckt. Und natürlich leben wir nicht über unsere Verhältnisse, sondern über die Verhältnisse anderer. Der faule Afrikaner, der uns fleißigen Deutschen den Wohlstand wegnehmen möchte, ist eine soziale Kategorisierung zur Fortschreibung globaler Ungleichheit im Zeichen der – horrible ductu! – Ausbeutung, gleiches gilt für den faulen Arbeitslosen bei der Zementierung nationaler Ungleichheiten.

Vor diesem Hintergrund ist es Ziel des Blogs, vergessene Zusammenhänge  dort herzustellen, wo sie im rhetorischen Gebrüll der Oberfläche verblendet werden: In der Analyse von nationalen und globalen Ungleichheitsregimes, in der Kritik des Bildungsbegriffs und in der Frage, wohin der Weg der Demokratie führt. Dabei fungiert die für die Funktionsfähigkeit und Legitimation der Demokratie so wichtige Frage nach der Bildung als Dreh- und Angelpunkt. Denn nur eine Bildung, die den Menschen zu aktiven, kritikfähigen und emphatiefähigen Menschen und Bürger gleichermaßen erzieht, hat das Widerstandspotenzial, Mythen zu entlarven und an einer pluralen Gemeinschaft von Personen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, Ethnie und Herkunft mitzuwirken.

Das/der Blog möchte (öffentliche) Überlegungen zu den Fragen entwickeln:

  • Welche Bildung braucht die offene demokratische Gesellschaft, die pluraler, aber zunehmend von autoritären Tendenzen herausgefordert und irritiert wird?
  • Und umgekehrt: Wie sollten gute demokratische Institutionen beschaffen sein, damit sie jene Bildung bekommen, derer sie für ihre Legitimation und Fortschreibung bedürfen?