Jede Gesellschaft braucht für ihre Legitimation und ihren Fortbestand Erzählungen. Es sind ihrer viele, die den sozialen Kitt unseres friedlichen Zusammenlebens ausmachen, auch wenn Mythen Frieden nicht allein herstellen und garantieren. Uns allen sind solche Mythen sehr vertraut. Sie sind in uns in Fleisch und Blut übergegangen und formen unseren Gesellschafts-Habitus mit. In unserer liberalkapitalistischen Gesellschaftsform herrschen u. a.  folgende vor:

  • Sozial ist, was Arbeit schafft
  • Unser Wohlstand fußt auf unserem Fleiß und unserer Produktivität
  • Wir lassen unser Geld für uns arbeiten
  • Wir haben jahrelang über unsere Verhältnisse gelebt…

Solche Mythen legitimieren unsere herrschende Lebensweise, so dass sie uns kaum frag-würdig werden. Wie jeder Mythos, enthalten sie ein Fünkchen Wahrheit. Gewiss: Säule unseres Wohlstandes ist nicht nur der Übelstand der anderen, sondern auch unsere protestantische Arbeitsethik. Ob diese indes alleine ausreicht, mag man mit guten Gründen bezweifeln. Denn: wird jene Bildung, die ansatzweise historisch wie kritisch vorgeht, bemüht, so wird ihre entmythologisierende Kraft unabwendbar: Arbeit ist überwiegend Lohnarbeit und steht im System kapitalistischer Wirtschaftsweise unter dem Druck des Mehrwertes. Schafft man Arbeit in der Prostitutionsindustrie oder im Segment der Internetindustrie, die Algorithmen erforscht, welche uns animieren sollen, auf Werbebanner zu klicken, so kann man vom „sozialen“ Charakter dieser Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen schwerlich reden, ganz zu schweigen vom „sozialen“ Charakter unterdurchschnittlicher Entlohnung. Dass wir nicht unser Geld für uns arbeiten lassen, sondern andere für unser Geld arbeiten müssen, vornehmlich in den Ländern des globalen Südens, liegt auf der Hand. Niemand käme auf die Idee zu behaupten, Geld vermehre sich allein, indem man es in den Tresor steckt. Und natürlich leben wir nicht über unsere Verhältnisse, sondern über die Verhältnisse anderer. Der faule Afrikaner, der uns fleißigen Deutschen den Wohlstand wegnehmen möchte, ist eine soziale Kategorisierung zur Fortschreibung globaler Ungleichheit im Zeichen der – horrible ductu! – Ausbeutung, gleiches gilt für den faulen Arbeitslosen bei der Zementierung nationaler Ungleichheiten.

Vor diesem Hintergrund ist es Ziel des Blogs, vergessene Zusammenhänge  dort herzustellen, wo sie im rhetorischen Gebrüll der Oberfläche verblendet werden: In der Analyse von nationalen und globalen Ungleichheitsregimes, in der Kritik des Bildungsbegriffs und in der Frage, wohin der Weg der Demokratie führt. Dabei fungiert die für die Funktionsfähigkeit und Legitimation der Demokratie so wichtige Frage nach der Bildung als Dreh- und Angelpunkt. Denn nur eine Bildung, die den Menschen zu aktiven, kritikfähigen und emphatiefähigen Menschen und Bürger gleichermaßen erzieht, hat das Widerstandspotenzial, Mythen zu entlarven und an einer pluralen Gemeinschaft von Personen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, Ethnie und Herkunft mitzuwirken.

Das/der Blog möchte (öffentliche) Überlegungen zu den Fragen entwickeln:

  • Welche Bildung braucht die offene demokratische Gesellschaft, die pluraler, aber zunehmend von autoritären Tendenzen herausgefordert und irritiert wird?
  • Und umgekehrt: Wie sollten gute demokratische Institutionen beschaffen sein, damit sie jene Bildung bekommen, derer sie für ihre Legitimation und Fortschreibung bedürfen?

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