„There is no such thing as society.“ Mit diesem Zitat leitete Margaret Thatcher, und ihr Bruder im Geiste: Ronald Reagan, Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die neokonservative und neoliberale Wende ein, die – allen Unkenrufen zum Trotz – bis heute sozioökonomische Folgen bzw. Verwerfungen zeitigt, die schon Gegenstand zahlreicher Publikationen geworden sind. Das Zitat bringt einen Gedankenwechsel zum Ausdruck: Nicht mehr assoziieren sich Individuen dank eines Gesellschaftsvertrages. Sondern der Markt bringt die wechselseitigen Eigeninteressen dank seiner „Weisheit“ zum Ausgleich. Das Solidarprinzip wird durch das Prinzip der Eigenverantwortung abgelöst. (Wobei durchaus die Idee virulent zu machen wäre, Eigenverantwortung und Solidarität als zwei Seiten einer Werte-Medaille zu betrachten. Individuelle Entscheidungen und Antworten auf Fragen der Lebensführung sind auch eingebunden in kollektive Entscheidungen und Handlungen. Wer sich für ein Haus im Grünen entscheidet, hat bald kein Haus im Grünen mehr, wenn sich alle dafür entschieden.) Wo der Markt für Regulierung sorgt, brauchen Einzelne – konsequent zu Ende gedacht – keine institutionell verankerten Normen, Regelungen und Konventionen. Der Staat „verschlankt“ sich, der Markt erfasst tendenziell alle Gesellschaftsbereiche.

Natürlich ist das Zitat logisch unsinnig: ebenso ließe sich schwerlich behaupten, dass es so was wie ein Individuum nicht gäbe. Es ist, als ob man sagte, es gäbe zwar tausende von verschiedenen Blumen auf einer Blumenwiese, aber keine Blumenwiese. Zugleich aber spielt das Zitat auf die abstrakte Größe Gesellschaft an, unter der man sich schlechthin nichts vor-stellen kann: Eine essenzialistische Auffassung von Gesellschaft kann es nicht geben. DIE Gesellschaft in ihrer verdinglichten Form gibt es nicht. Sie muss bestimmt werden als eine ART von Gesellschaft. Wir leben in einer bestimmten Art von Gesellschaft. Diese Bestimmung vollzieht sich aus je eigenen Interessen folgenden Perspektiven.

Jemand, der unsere Gesellschaft eine bundesrepublikanische Gesellschaft nennt, verfolgt Interessen der Grenzziehung, nationale und die Souveränität betreffenden Interessen. Jemand, der unsere Gesellschaft als eine Multioptionsgesellschaft bestimmt, möchte auf wachsende Wahlfreiheit in Sachen Lebensentwürfen hinweisen, nicht aber ohne eine kritische Dimension in die Untersuchung einfließen zu lassen, um negative Aspekte wie Überforderung und Entfremdung zu verhandeln. In beiden Fällen wirft man wie mit einem Scheinwerfer ein Licht auf ein bestimmtes Phänomen der Gesellschaft und charakterisiert sie so auf spezifische Weise, was zu ihrer Er-hellung beiträgt.

In jüngster Zeit sind zwei Bücher erschienen, die den Begriff der Gesellschaft deskreptiv wie diagnostisch verwenden, um jeweils aspektuell ein bestimmtes Phänomen – das der sozialen Ungleichheit – unserer nationalen und globalen Gesellschaft zu beschreiben und zu kritisieren. Es handelt sich um die Bücher „Die Abstiegsgesellschaft“ von Oliver Nachtwey und „Die Externalisierungsgesellschaft“ von Stephan Lessenich. Beide Soziologen der sozialen Ungleichheit. Ihrer beider Interesse ist, die wachsende soziale Ungleichheit zwischen „Oben“ und „Unten“, zwischen dem „globalen Norden“ und dem „globalen Süden“ mit den Begriffen des Abstiegs und der Externalisierung (Auslagerung) analytisch zu erfassen und engagiert zu skandalisieren.

In einem folgenden Blog werde ich mich eingehend mit den beiden Texten beschäftigten. Dabei ist die Frage leitend, welche Bildung vonnöten ist, wenn man – wie die Autoren behaupten – in einer solchen Art von Gesellschaft lebt, die einerseits für immer mehr Menschen bestimmmter sozialer Zugehörigkeiten den materiellen Abstieg besorgt, während andererseits solche „Abgestiegenen“ einen Lebenstil pflegen, dessen Kosten andere anderswo in der Welt (er)tragen müssen. Demokratische Gesellschaften, die von sozialer Spaltung geprägt sind, verlieren ihre Kohäsion, Integrationskraft und bekommen Legitimationsprobleme. Es dürfte ein Anfang gewagt sein, aufzuklären, was es in der Gegenwartsgesellschaft heißt, abzusteigen und negative Effekte auszulagern.

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