Cover zu Stephan Lessenich Neben uns die Sintflut

Der Münchener Soziologe und Postwachstumsozialtheoretiker Stephan Lessenich behandelt in seinem neuen Buch ‚Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis‘ das Konzept der Externalisierungsgesellschaft. Seine Leitthese lautet verkürzt: Die Gesellschaften des reichen Nordens „lagern die negativen Effekte ihres Handelns auf Länder und Menschen in ärmeren, weniger ‚entwickelten‘ Weltregionen aus.“ (S. 24) Und zwar hier und jetzt. Nicht nach uns. Ausgehend davon untersucht er aus soziologischer Perspektive die Strukturen, Mechanismen und Praktiken der Externalisierung, mithin die Arten und Weisen, wie moderne Gesellschaften des globalen Nordens Gewinner auf seiner Seite erzeugen, indem sie Verlierer auf der anderen Seite hervorbringen. Diesbezüglich thematisiert er seine Gedanken im Rahmen einer Soziologie der Externalisierungsgesellschaft. Die Logik des Gegenstandes macht es dabei notwendig, das ‚Weltsystem‘, die wechselseitige Bedingtheit zwischen konstruiertem ‚Innen‘ und ‚Außen‘, zwischen Zentrum und Peripherie, in den Blick zu nehmen. Nur aus einer dialektischen und nicht dichotomischen Sichtweise heraus wird die Funktions- und Strukturweise der Externalsierungsgesellschaft sicht- und verstehbar.

Externalisierung bzw. Auslagerung ist der kapitalistischen Wirtschaftsweise systemisch eingeschrieben. Im Verein mit geopolitischer Machterweiterung betreiben hochindustrialisierte Gesellschaften die geoökonomische Expansion im globalen Maßstab – mit dem Ziel, Kapital zu akkumulieren, um den Wohlstand der (wenigen) Nationen zu mehren. Es geht ihnen darum, politisch und ökonomisch mächtig zu werden und zu bleiben. Die Folgen sind für jedermann ersichtlich oder sollten ersichtlich sein: Die Kehrseite unseres Wohlstandkapitalismus ist der Übelstand der anderen, wobei der Zusammenhang zwischen beiden Seiten ignoriert, verdrängt und vergessen wird. Die Relation zwischen den Gewinnern des Nordens und den Verlierern des Südens lässt sich durch eine Kon-junktion ausdrücken: Es geht uns gut, weil es den anderen schlecht geht. Lessenich beschreibt (in einem zuweilen polemischen und an manchen Stellen sarkastischen Duktus) und analysiert den ungleichen Tausch zwischen Zentrum und Peripehrie im globalen Kapitalismus: „In weiter Ferne, an den vielen Peripherien der kapitalistischen Weltökonomien, werden Arbeiten erbracht, Ressourcen gefördert, Giftstoffe freigesetzt, Abfälle gelagert, Landstriche verwüstet, Sozialräume zerstört, Menschen getötet – für uns, für die Menschen in den Zentren des Wohlstandes für die Ermöglichung und Aufrechterhaltung ihres Lebensstandards, ihrer Lebenschancen, ihre Lebensstils.“ (S. 180) Wie in einer semipermeablen Membran gelangen Ressourcen in das ‚Innen‘ der Externalisierungsgesellschaft, während die negativen Effekte der Ausbeutung von Mensch und Natur im ‚Außen‘ bleiben.

Zugrunde liegt dem Prozess der Externalisierung strukturelle Machtasymmetrien, Ausbeutungsmechanismen und ein spezifischer Externalisierungshabitus. Um die Externalisierungsgesellschaft und ihre Freunde zu verstehen, analysiert Lessenich diese drei Dimensionen. Für die Strukturebene gilt: „Jede im Weltungleichheitssystem eingenommene Position ist im Verhältnis zu und im Zusammenhang mit anderen, korrespondierenden Positionen im selbigen zu sehen. Und nur als solche, als solchermaßen kontextualisierte und relationierte Positionierung, ist eine konkrete Ungleichheitslage überhaupt zu verstehen.“ (S. 53) Dies bedeutet, dass das Bündel unserer Lebens-, Arbeits-, Produktions- und Konsummuster zusammenhängt mit dem Bündel an Lebens-, Arbeits- und Produktionsbedingungen andernorts. Am Rohstoff Sand wird dies beispielsweise deutlich. Während für die sandintensive Fracking-Technologie zur Erschließung unkonventioneller Erdgasvorkommen der Verbrauch an Sand in den USA in den letzten Jahren immens gestiegen ist, zerstört man in Indonesien zu seiner profitablen Gewinnung Natur und Lebensräume und sorgt für schlechte Arbeitsbedingungen.

Der primäre Mechanismus der Herstellung sozialer Ungleichheit – Mehrwert in den hochindustrialisierten Ländern, materielle Armut und Naturraubbau im Süden – heißt bei Lessenich pragmatisch Ausbeutung. „Ausbeutung findet immer dann statt, wenn Menschen über eine Ressource verfügen bzw. über diese in einer Weise verfügen können, die sie dazu befähigt, andere Menschen zur Produktion eines Mehrwerts zu bringen, von dessen Genuss die Produzierenden selbst wieder ganz oder teilweise ausgeschlossen bleiben.“ (S. 58) Ausbeutung ist der modus operandi der Externalisierungsgesellschaft. Im Weltsystem werden die Kosten der Produktion auf jene abgewälzt, die von den Profiten derselben Produktion ausgeschlossen werden.

Aber wer will das schon wissen? Die Praxis der Externalisierungsgesellschaft beruht deshalb auf individuellem und kollektivem Vergessen. Es geht näherhin um Abspaltung, Ablenkung, Umleitung jener habituellen Anteile, die mit der Auslagerung der Kosten ins vermeintliche ‚Außen‘ einhergehen. Es ist das Wissen um die negativen Effekte der Externalisierung, die nicht einfach verschwinden. So wird in der Praxis der Externalisierungsgesellschaft der Geschädigte zum Schuldigen degradiert, etwa wenn zur Beruhigung des eigenen Gewissens Spenden fließen und mit dieser sozialen Praxis gleichsam Überlegenheit demonstriert und Dankbarkeit eingefordert wird.

Die Strukturlogik des modernen ‚Weltsystems‘ Externalisierungsgesellschaft lautet kurz: Ohne Armutskapitalismus kein Wohlstandskapitalismus. Aus Lessenichs Analyse gehen nicht direkt „Hinweise darauf hervor, wie eine andere Welt, eine Welt jenseits der Externalisierung möglich wäre bzw. ermöglicht werden könnte.“ (S. 193) Sein Beitrag beschränkt sich zunächst bescheiden auf die Aufklärung verdrängter Zusammenhänge, die wir alle irgendwie wissen, die wir aber zugunsten der Aufrechterhaltung des Status quo akzeptieren und in unsere Lebensweise integriert haben, so dass sie uns naturgegeben erscheinen. Dennoch wirft Lessenich am Ende seines Buches einige Lichtblitze in Richtung dunklen Horizont. Die Ohnmacht der von der Externalisierungsgesellschaft Ausgebeuteten und Abgehängten sei zu überwinden durch kollektive Selbstermächtigung. Zwar ist es richtig, dass die Beiträge einzelner Handlungen (Konsumverzicht, Freiwilliges Soziales Jahr an den Peripherien der Wohlstandsgesellschaf) Vorwegnahme einer kommenden realen Utopie seien. Dennoch brauche es überindividuelles, d.h. kollektives Handeln in Form von überlokalen und transnationalen Allianzbildungen zwishen den vielen tausend Initiativen und Organisationen, Netzwerken und Bewegungen. In der Verschränkung von individuellem und überindivduellem, im Rahmen eines repolitisierten Handelns könnte eine Transformation der Externalisierungsgesellschaft gelingen.

Freilich ist die These, dass wir auf Kosten anderer leben, nicht besonders originell. Das Konzept der Externalisierungsgesellschaft verweist denn nicht so sehr auf etwas Neues, was die Kolonialismusforschung nicht auch schon historisch-empirisch nachgewiesen hätte. Vielmehr hat es einigen heuristischen Wert. Es hilft, die globalen Ungleichheitslagen zu erklären und damit zu verstehen, warum und wie sie zustande kommen. Es setzt uns dank seines holistischen Ansatzes instande, den inneren Zusammenhang aller scheinbar getrennten Weltgeschehnisse zu erkennen – um es mit einem Wort von Elmar Altvater auszudrücken, dem emeritierten Berliner Professor für Politische Ökonomie. Holistisch bedeutet dabei nicht, monolitisch auf der einen Seite ‚Wirtschaft‘ über abstrakte Modelltheorien zu verstehen und auf der anderen ‚Gesellschaft‘ aggregierte Informationen zur Bevölkerungsstruktur, Sozialsystemen und -charaktere zu sammeln. Holistisch bedeutet die Herstellung und Aufklärung von sozioökonomischen Zusammenhängen im Weltmaßstab. Das Auffinden des missing link, der Verbindung zwischen ‚unseren‘ und ‚deren‘ Verhältnisse hilft dann zu verstehen, warum wir nicht von unserer westlichen Lebensweise lassen können. Denn sie erscheint uns als richtig, als rational. Die Irrationalität hingegen wird ausgelagert. Sie fällt uns aber mittlerweile buchstäblich auf die Füße: Klimawandel, Migrationsbewegung, Naturzerstörung. Reflexiv zu verstehen, dass und warum etwa Flüchtlinge etwas mit uns und unseren Lebens-, Arbeits- und Konsumbedingungen zu tun haben, ist Aufgabe und Ziel einer sozioökonomischen Bildung. Ihr widme ich mich in einem kommenden Blog.

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