„Externalisierung“ und „Abstieg“ sind zwei Begriffe, mit denen sozioökonomische Entwicklungen beschrieben und analysiert werden. Sie sollen als Exemplare gelten, um inhaltlich das zu entfalten, was wir sozioökonomische Bildung heißen. Sie werden in einem eigenen Gedankengang in einen konfrontierenden und verbindenden Bezug zueinander gesetzt. Zuvor aber wird in einem gesonderten Beitrag das Buch „Die Abstiegsgesellschaft“ von Oliver Nachtwey besprochen.

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Das Gespenst des sozialen Abstiegs. Die Rede von der erodierenden Mittelschicht, die nach oben und unten ausfranst, hat sich in der bundesrepublikanischen Mentalität fest verankert. Sie manifestiert sich kollektiv. Wer zum oberen Teil der Mittelschicht gehört, hat gute Chancen in das Reich der Vermögenden aufzusteigen. Wer im unteren Teil der Mittelschicht siedelt, gehört dieser in Selbstvergewisserungsformeln zwar noch rhetorisch und emotional an. Realiter befindet er sich jedoch auf einer „nach unten fahrenden Rolltreppe“, auf der der Erhalt des Status Quo immer größer werdende seelische wie körperliche Kraftanstrengungen erfordert und mitunter selbstausbeuterische Züge annimmt.

Das Bild der nach unten fahrenden Rolltreppe ist die zentrale Metapher von Oliver Nachtweys Buch ‚Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne‘, in der der Baseler Soziologe eine sachlich differenzierte und damit unaufgeregte Analyse der aktuellen Sozialstruktur in Deutschland vornimmt. Damit positioniert sich Nachtwey gegen den vom 2015 verstorbenen Münchner Soziologen Ulrich Beck diagnostizierten „Fahrstuhleffekt“, der bis in die 1980er Jahre kennzeichnend für die bundesdeutsche Gesellschaft war. „Dessen Pointe war…dass Ungleichheiten zwar bestehen blieben, Arm und Reich im Fahrstuhl aber gemeinsam nach oben fuhren, weshalb die sozialen Unterschiede an Bedeutung verloren.“ (S. 126) Für den ‚Armen‘ ging es etwa zwar nur vom ersten Stock in den vierten, während der ‚Reiche‘ bis ins letzte Geschoss fuhr. Zumindest aber teilten sich beide die Fahrt von dem dritten in den vierten. Nun begnügt sich Nachtwey nicht mit dem einfachen Gegensatz von ‚Arm‘ und Reich’/’Oben‘ und ‚Unten‘ wie das Bild von der nach unten fahrenden bzw. nach oben fahrenden Rolltreppe suggeriert, in dem die sozialen Disparitäten zum Ausdruck kommen. Die Erschütterungen der sozialen Verhältnissen zeigen sich vielmehr material und zuvörderst in den Erschütterungen der Arbeitsverhältnisse: „Nicht im bloßen Anwachsen der sozialen Ungleichheit, sondern in den Erschütterungen der Arbeitsverhältnisse liegt die Hauptursache für den Übergang zur Abstiegsgesellschaft.“ (S. 137)

Fixpunkt seiner Analyse ist deshalb das Normalarbeitsverhältnis. An ihm lässt sich das rückschrittliche Moment im Übergang von der Vollbeschäftigungsgesellschaft zur prekären Vollerwerbsgesellschaft nachzeichnen. Denn das Normalarbeitsverhältnis war bis in die 70er und 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts vorherrschend. Normal galt ein Arbeitsverhältnis, das unbefristet und in Vollzeit ausgeübt wurde. Damit hatte es eine gesellschaftliche Integrationsfunktion. Es schützte dank seiner sozialen Sicherungsstandards vor Armut und Ausbeutung. Das Modell des Normalarbeitsverhältnisses, das im Mittelpunkt dessen stand, was Nachtwey die soziale Moderne nennt, erodiert in der regressiven Moderne. Sie ist nach ihm dadurch gekennzeichnet, dass der Fortschritt, der die nahezu vollständige Inkludierung der erwerbsfähigen Bevölkerung (insbesonderen der weiblichen) zu Folge hatte, mit einem Rückschritt einherging, der zunehmend prekäre , d.h. instabile, unsichere und widerrufbare Arbeitsverhältnisse, anwachsen ließ.

Der Dualismus zwischen Arbeitslosen und Arbeitnehmern, den es auch in der sozialen Moderne gab, wird nunmehr ergänzt durch einen internen Dualismus: den zwischen prekär Beschäftigten wie Leiharbeiter, Niedriglöhner oder ‚Aufstocker‘, die weniger Macht und Mitbestimmung haben und den sich verkleinernden Radius jener, die (noch) von der integrativen Kraft ihrer unbefristeten Stelle profitieren. Dieser Dualismus ist der Preis für Arbeit um jeden Preis. Einer Gesellschaft unter diesem Banner geht nicht die Arbeit aus, sondern deren integrative Funktion.

Nachtwey führt zwei Argumente ins Feld, um den Begriff Abstiegsgesellschaft zu legitimieren. Man könnte beide als Argument der doppelten Gebrochenheit zusammenfassen. Der Begriff ist zum einen berechtigt, weil die Normalität der Arbeitsverhältnisse gebrochen ist. In der Gesamtschau finde ein kollektiver ökonomischer und gesellschaftlicher Abstieg der Arbeitnehmer statt. Zum anderen wird ein Versprechen der Moderne gebrochen, das auf permanenten Fortschritt im Hinblick auf soziale Integration, relative Gleichheit und soziale Bürgerrechten berruht. In einer Gesellschaft des Rückschritts, deren Losung einst „Wohlstand für alle“ lautete, bedeutet das steigende Gefälle zwischen Menschen und Klassen ein Zurückfallen hinter ein bereits erreichtes soziales Entwicklungsniveau.

Zu den Schwierigkeiten einer politischen Antwort auf die neuen sozialen Verwerfungen und Brüche gehört, dass sich die prekären Arbeitsverhältnisse nicht mehr mit der Kategorie der Klasse in der Tradition von Marx fassen lassen, für deren Rehabilitierung in der sozialwissenschaftlichen Forschung – nicht zu Unrecht – just der französische Intellektuelle Didier Eribon plädiert. An die Stelle des Gegensatzes zwischen Besitzbürgertum und Proletariat sind Klassenstrukturierungen getreten, die komplex, heterogen sind und auf dem ersten Blick widersprüchlich erscheinen. Das Prekaritat lässt sich nicht als homogene Masse zusammenfassen, und damit in ihren Interessen bündeln. So hat der befristet beschäftigte Leiharbeiter, dem sein Mitbestimmungsrecht beschnitten wurde, mehr mit dem angestellen Lehrer zu tun, der über den Sommerferien arbeitslos ist, als mit dem unbefristet beschäftigten Kollegen derselben Firma. Die migrantische Putzfrau hingegen lässt sich kaum mit der von der Frauenquote profitierenden Managerin solidarisieren, deren Büro sie putzt. Während also auf horizontaler Ebene dank Identitätspolitik mehr Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau erkämpft wird, verschärft sich auf vertikaler Ebene der Gegensatz zwischen armen und wohlhabendenn Frauen. In kapitalistischen Marktgesellschaften sind Alter, Ethnie, Klasse, Nation und Geschlecht selbst zum Schauplatz von Ausbeutung und Unterdrückung geworden.

Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht wunder, dass rechtspopulistische Bewegungen und Parteien wie Pegida und AfD in den letzten Jahren nach und nach an Wirkmächtigkeit gewonnen haben. Aber auch linke Bewegungen bzw. Parteien wie Podemos in Spanien und Syriza in Griechenland können als Ausdruck des Aufbegehrens in der regressiven Moderne aufgefasst werden. Während für erstere kommende Zeiten nur insofern relevant sind, als sie zum Erhalt überlieferter Strukturen beitragen, wohnt letzteren ein teleologisches, auf eine bessere Zukunft gerichtetes Moment inne. Doch beiden Kräften scheint, so Nachtwey, der Weg versperrt. Er mündet gleichsam in die Aporie. Die soziale Moderne lässt sich nicht wieder rekonstituieren und gleichsam, im späteren Rückblick, in eine unterbrochene Kontinuität überführen. Der einst optimistische Blick progressiver Kräfte in die Zukunft verdüstert sich zusehends.

So luzide und einleuchtend die sozioökonomischen Analysen Nachtweys auch ausfallen, so einsilbig verhält er sich zu möglichen Lösungen für und Auswegen aus der regressiven Modernisierung. Lediglich als Stichwort erwähnt er am Ende seines Buches die „solidarische Moderne“, deren Konturierungen er hätte wenigstens andeuten können. Zumindest aber lassen sich an den konstruktiven Bürgerbewegungen eine Wiedergewinnung des politischen Lebens und des Politischen ablesen. Besteht nämlich das Fundament einer Demokratie darin, der Bevölkerung ein gewisses Maß an Gleichheit einzuräumen, um an politischen Entscheidungsprozessen mitwirken zu können, so sind solidarische Mechanismen unabdingbar, um diese (relative) Gleichheit wieder herzustellen. Diese aber sind politisch zu gestalten. Eine an die Systemimmanenz des Kapitalismus andockende Lösung wäre den durch sie entstandenen Reichtum gesellschaftlich dort abzuschöpfen, wo er entsteht: an den Orten, wo er kummuliert. Vermögensteuer, Erbschaftssteuer, Transaktionssteuer sind probate und immer wieder in der politischen Arena zur Diskussion gestellte Mittel, um etwa der sozial-ökonomische Disparität zwischen Land und Stadt entgegenzuwirken. Auch die Frage, wie sich die erhöhten Produktivitätsgewinne – etwa durch eine Maschinensteuer – gesamtgesellschaftlich realisieren und verteilen lassen, ist und bleibt virulent. Hier könnten auf konkreter menschlicher Ebene solidarische Akte die staatlichen widerspiegeln: Nimmt eine Gemeinde mehr Flüchtlinge auf als sie sollte, legt sie besonders viel Wert auf die Rekommunalisierung der Daseinsgüter wie Nahrung, Wohnung und Bildung wird sie durch vermehrte Zuschüsse für Infrastruktur, Kultur und Soziales belohnt. Die Integrationsfähigkeit einer Gesellschaft nimmt dann in dem Maße zu wie die politischen Rahmenbedingungen für Solidaritätsformen wachsen. Der Weg in die solidarische Moderne führt über die Wiedergewinnung der politischen Mitwirkungsmöglichkeiten.

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