In seiner Rezension ‚Aufstand der Eingebildeten‘ bezeichnet Stephan Lessenich Oliver Nachtweys Buch ‚Die Abstiegsgesellschaft‘ als „ein auf irritierende Weise deutsches Buch.“ (vgl. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/oliver-nachtweys-buch-die-abstiegsgesellschaft-14421771.html) Dies deshalb, weil bei der Analyse wirklicher oder gar imaginierter sozialer Abstiege der globale Kontext des ‚Aufbegehrens in der regressiven Moderne‘ ausgeblendet wird. Im Kern wird die Krise der Demokratie und rezenten Gesellschaft in Deutschland als die Aufkündigung jenes Versprechens sozialer Mobilität, sprich: des materiellen Aufstiegs, gedeutet, das als Motor des fordistischen Gesellschaftsmodells – basierend auf Vollbeschäftigung und sozialen Bürgerrechte – diente. Der inkludierende „Fahrstuhl-Effekt“ der sozialen Moderne weicht dem desintegrierenden „Rolltreppe-nach-unten-Effekt“ der regressiven Moderne. Dabei sind Flüchtlingskrise, struktureller Rassismus, kulturalistische Islam-Hetze, brennende Asylheime und islamistische Terroranschläge Folgeerscheinungen sozioökonomischer Verwerfungen, die ihren Ursprung (auch) außerhalb des nationalen Kontextes haben. Diese Verwerfungen ihrerseits sind Effekte, deren Ursachen in einem westlichen Produktions- und Konsummodell begründet liegen, welches gleichsam die materiale Grundlage für das Aufstiegsversprechen bildete. Das regressive Moment der Reaktion ist die politische Antwort auf Krisen-Phänomene, deren Sinn nicht verstanden wird, weil die hinter ihnen liegenden soziökonomischen Zusammenhänge ausgeblendet, unterdrückt oder schlicht nicht gesehen werden. Sie sind sein blinde Fleck und deshalb läuft er rückwärts und versucht ein Modell am Leben zu erhalten, dessen Zeit und Funktion abzulaufen scheint. Die auf Konsum und Ausbeutung beruhende (und selten bewusst eingestandene) Lebensweise des globalen Nordens verhindert die Einsicht, dass der Aufstieg nicht ewig und für alle weitergehen oder zumindest nicht mehr auf diese Weise weiter gehen kann, weil er auf imperiale Voraussetzungen fußt, die selbst an ihre Grenzen kommen und die an ihrer immanenten Logik scheitern müssen.

Erweitert man nämlich die Perspektive im Weltmaß, so zeigt sich, dass der Mechanismus, soziale, ökonomische und ökologische Folgekosten von den nördlichen Industrieländern in die südlichen Ländern auszulagern, zunehmend schwieriger wird und nur um den Preis von Flüchtlingsbewegungen, Klimaerwärmung und Handelskonflikten und -kriegen aufrecht zu erhalten ist. Denn der Externalisierungsmechanismus, der auf der einen Seite Wohlstand schafft, weil er auf der anderen Seite Übelstand erzeugt, ist auf ein ‚Außen‘ angewiesen, auf das mittlerweile auch andere Länder des globalen Südens zugreifen. Wenn es jedoch zutrifft, dass die Auslagerung der Wohlstandskosten im zunehmenden Maße nicht mehr gelingt wie bisher, weil das ‚Außen‘, auf das hin ausgelagert wird durch ‚Schwellenländer‘ wie China, Indien, Brasilien usw. schrumpft (die sich selbst weigern als ‚Außen‘ zu fungieren), dann müssen politische Antworten und Gestaltungsspielräume eröffnet werden, um hiesige Produktions- und Konsumbedingungen zu ändern. (Beredtes und aktuelles Beispiel ist die Weigerung Chinas, Müll aus der europäischen Union zu importieren.) Diese geraten in das Blickfeld, sobald die Einengung auf den nationalen Fokus der sozialen Ungleichheit verlassen wird. Noch mehr: Dann können nationale soziale Ungleichheiten (auch) als Wirkung nachlassender Externalisierungseffekte verstanden werden, die zugunsten von Binnenexternalisierung – oder, martialisch ausgedrückt, von Selbstkannibalisierung kompensiert werden. Opfer dieser Selbstkannibalisierung sind die eh schon ökonomisch Schwachen der Gesellschaft, die kaum über politische Lobby verfügen oder wenig über mediale Kanäle verfügen, um Einfluss und Stimme geltend zu machen.

Die These, die ich entwickeln und begründen möchte, ist folgende: Die binäre Logik der Externalisierung, die besagt, dass das Zentrum (das Innen) einer Peripherie (eines Außen) bedarf, um auszulagern, wird im zunehmenden Grade ersetzt durch eine binäre Logik von Reich/Arm, innerhalb derer binnennational das ‚Oben‘ Kosten nach ‚unten‘ verlagert, um nachlassende oder dysfunktional werdende Effekte der Wohlstandsexternalisierung zu kompensieren. Beiden Logiken ist gemein, dass trotz des relationalen und kausalen Charakters beider Seiten (Ich lebe im Wohlstand, weil du im Übelstand lebst. Ich bin reich, weil du arm bist) der systematisch-historische Zusammenhang zwischen beiden Seiten verblendet, verdrängt oder vergessen wird.

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