Im folgenden der Versuch, einer bildungstheoretisch eingebetteten Definition des in der Entwicklungspolitik thematisierten und praktizierten Begriffs ‚Globales Lernen‘.

Nach dem Bildungstheoretiker, -politiker und Altertumswissenschaftler Wilhelm von Humboldt bedeutet Bildung des Menschen die gleichmäßige und möglichst vollständige Bildung aller Kräfte (Vermögen) zu einem Ganzen. Sie verwirklicht sich in seinen politischen, ökonomischen, pädagogischen, ästhetischen, juristischen und religiösen Praxen. In ihnen solle – so Humboldt – eine „Mannigfaltigkeit der Situationen“ herrschen, d.h. eine von der Einseitigkeit des Standes und der Herkunft befreites Ensemble an Erfahrungsmöglichkeiten. Im Zuge seiner dynamischen Aneignung von Weltinhalten im Wechsel von Theorie und Praxis macht der Mensch begriffliche Erfahrungen. Diese beruhen irreduzibel auf dem Verstehen von Zusammenhängen.

In diesem bildungstheoretischen Kontext bedeutet Globales Lernen das Verstehen des innneren Zusammenhangs scheinbar getrennter (Welt-)Ereignisse. Konkret gewendet: Was hat die unter prekären Arbeitsbedingungen stehende indische T-Shirt-Produktion mit dem Verkauf deutscher Altkleidersammlung auf dem moldawischen Wochenmarkt zu tun? Welche Produktions-, Verteilungs- und Konsumketten verbergen sich dahinter? Welche Extraktions- und Externalisierungsmechanismen scheinen hier auf?

Globales Lernen bedeutet demnach – diesmal didaktisch-methodisch gewendet – scheinbar vergessene oder verdrängte soziökonomische und -politische Zusammenhänge herzustellen. Dies geschieht über die Hinwendung zu den und die Aufmerksamkeit für ‚die Sachen selbst‘. Erster Beweger planmäßiger Seminar- und Unterrichtsgestaltung ist das sokratische Fragen des „Was heißt das alles?“, die (humorvolle) Provokation, das ironische „Aufstacheln“ (Michel de Montaigne) und die harte „Arbeit am Begriff“ (Max Horkheimer).

Begriffliche Zusammenhänge zu erarbeiten, was philosophisch ‚Denken‘ heißt, ist das Fundament, um Maximen für menschliche Praxen zu entwickeln. Globales Lernen ist somit das Gegenteil von Gedankenlosigkeit. Es bedeutet zu begreifen, in welchem Bezug zu welchen Positionen im ‚Weltsystem‘ wir stehen. Der holistische Ansatz des Globalen Lernens pointiert ausgedrückt: Das Globale lokal denken, um das lokale Handeln global auszurichten. So könnte man die Bewegung vom Wissen und Handeln – und zurück, beschreiben.

Bildung trotzt der Verdummung. Die größte Gefahr des 20. Jahrhunderts ging vom „radikal Bösen“ in der menschlichen Natur aus. Von seiner Fähigkeit, von den barbarischen Folgekonsequenzen bürokratischer Denkweisen zu abstrahieren. Von seiner Fähigkeit, sein Handeln ohne eine innere moralische Prüfungsinstanz (Gewissen) zu rechtfertigen, indem sich biedere Bürokraten wie Adolf Eichmann auf einen substanzlosen Pflichtbegriff stützten. Im 21. Jahrhundert geht die größte Gefahr nicht mehr vom ‚Bösen‘ aus. Sondern von der Dummheit. Von der Unfähigkeit, sich seiner analytischen und synthetisierenden Vernunft zu bedienen, von der kultivierten Unfähigkeit also, zu denken.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s