Es ist wohl das Paradoxiesyndrom unserer Zeit: Ein Geländewagen, der nie Gelände gesehen hat, bewegt 2,5 t, um 25kg Kind zwischen Kinderturnen und Abendessen zum Kinderballett zu transportieren, um es auf eine Zukunft vorzubereiten, deren ökologische Grundlage mit jedem zurückgelegten Kilometer erodiert. Noch vor einigen Jahren wurden die übergewichtigen SUVs (Sport Utilitiy Vehicles) verspottet. SUVs nutzen im sibirischen Morast, in den Wintern Alaskas oder in den Wüsten Afghanistans. Vor dem Hintergrund des europäischen Straßen- und Landschaftsbildes erscheinen sie dagegen als Fremdkörper. Sie sind technisch ineffizient, weil der Kraftstoffverbrauch durch hohes Gewicht und hohen Luftwiderstand immens steigt. Sie sind ineffektiv, weil hinter dem Steuer meist nur eine Person sitzt; zudem besetzen sie öffentlichen Raum. Die  technologische und ökologische Irrationalität des SUV führt dennoch nicht zu seiner Verbannung. Dafür ist er sozialpsychologisch und ideologisch zu funktional im verallgemeinerten Kampf sozialdarwinistisch geprägter Subjekte.

In sozialpschologischer Perspektive ist er Kampfpanzer des Bürgerkriegs aller gegen alle im dichter werdenden Straßenverkehr. Die Dichte des Straßenverkehrs steigt proprotional zu Verdichtung der Zeit im beschleunigten Spätkapitalismus. Und so wie die Verallgemeinerung der ökonomistischen Zeitverdichtung alle nur erdenklichen Lebensbereiche erfasst und die Bevölkerung in Gewinner und Verlierer des Zeitregimes unterteilt, so unmittelbar treffen soziale Disparitäten und Verwerfungen im dichten Verkehr aufeinander. Der SUV signalisiert und symbolisiert durch seine schiere materielle Überpräsenz: Ich komme voran, ich bin überlegen, ich komme überall durch – ohne Rücksicht auf Verluste. Er verkörpert die zwei elementaren Strategien der Kriegsführung: Angriff und Verteidigung. Die uneinnehmbare Festung SUV pflügt sich durch den Verkehr einschüchternd und latent agressiv so, „als würde er alle vorausfahrenden kleineren Autos inhalieren und hinten durch den Vierrohrauspuff wieder ausscheiden.“ Und dies, wie der Sozialpsychologe Harald Welzer hinzufügt, einem Panzer nicht unähnlich, „hinter immer kleiner werdenden Scheiben, am besten noch abgedunkelt.“ Es kündigt sich die Entsubjektivierung des Straßenverkehrs an. Damit ist eine Voraussetzung geschaffen, sich verkehrsgerechtem Verhalten zu entziehen. Regel und Subjekt, Verkehrsvorschriften und Verkehrsteilnehmer, die ihnen folgen, treten auseinander. Ich bin mein eigener Ego-Shooter hinter meinem Sichtschlitz. Und dort, wo Verkehrsregeln situationsadäquat in unübersichtlichen Situation umgedeutet werden müssen, versagen Zeigegesten. Die Asymmetrie zwischen gepanzerten und leichtgewichtigen Autos verunmöglicht kommunikative Lösungen, die notwendiger sind je enger es auf den Straßen wird. Eine klassische Rationalisierung ist dabei das Argument, mit einem SUV könne man aufgrund erhöhter Sitzposition einen besseren Überblick über den Verkehr erlangen. Sie verschleiert die wahre Erklärung für den Erwerb des Gefährts: Denn nicht zuletzt der Wettbewerb um Statusgewinn zwingt die ins Hintertreffen geratenen Nicht-SUV-Fahrer dazu, aufzurüsten, um ihren Nachteil auf dem zivilisatorisch ungünstiger eingehegten Schlachtfeld Straße (vergeblich) auszugleichen. Am Ende steht man Seit an Seit mit dem Citroen Saxo im Stau.

Neben der sozialpsychologischen Dimension des SUV-Fahrens im Zeitalter der Deregulation zeigt sich seine eminent ideologische Funktion im neoliberalen Kapitalismus. In ihrem zum Bestseller avancierten, zeitdiagnostisch aufschlussreichen Buch „Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus“ schreiben Ulrich Brand und Markus Wissen, dass der SUV-Fahrer jene automobile Subjektivität verkörpert, welche die materielle Beschaffenheit des mobilen Panzers im Verein mit der neoliberalen Doktrin des überlegenen, wettbewerbsverinnerlichenden Marktsubjektes hervorbringt:

Der SUV wirkt aufgrund seiner materiellen Eigenschaften verstärkend auf jene von zunehmender Konkurrrenz und Rücksichtslosigkeit geprägten sozialen Verhältnisse zurück, deren Produkt er ist. Dies tut er, indem er die ihm entsprechende Subjektivität selbst hervorbringt.

Im Kampf ums alltägliche Dasein fungiert der SUV nicht einfach nur als Instrument oder Vehicel, um zu bestehen oder voranzukommen. Er selbst ist die Subjektivierungsform, die jenes indivdualistische, das nackte Eigeninteresse verfolgende Subjekt hervorbringt, dessen der neoliberale Kapitalismus bedarf.

Der SUV bildet die zunehmende sozialökonomische und -ökologische Polarisierung ab und ist gleichsam ihr buchstäblicher Motor. Soziale Schichten, die an vielbefahrenen Straßen leben müssen, weil Bodenspekulation sie in für den Markt nicht attraktive Lagen verdrängt hat, atmen Schadstoffe ein, vor denen die Insassen in ihren überlegenen Wägen auf ihrem Weg zu ihren Häusern im Grünen geschützt sind.

Transformieren sich indes Zebrastreifen, Ampeln und Geschwindigkeitsbegrenzungen zu Angeboten, die man entweder annimmt oder ignoriert, anarchisiert sich ein beträchtlicher Teil des gesellschaftlichen Lebens. Dieser ist im hohem Maße auf wechselseitige Verständigung mittels Gesetze und konventionale Üblichkeiten angewiesen. Von der Befriedung und Sozialisierung des Straßenverkehrs durch Regulierung, Verboten und eine weitsichtige Verkehrs- und Infrastrukturpolitik aber haben alle etwas davon: Fußgänger, Rad- und Autofahrer. Ihnen wird die durch Isolation und Enthemmung zugefügten großen und Minitraumatisierungen erspart – verhinderte Rettungsgassen und emphatielose Unfallfotografen legen Zeugnis davon ab -, denen man sich als soziale Wesen in den normalisierten Gefechten und Scharmützeln nicht entziehen kann. Und die Humanisierung des Straßenverkehrs kann auf die Gesellschaft als ganze ausstrahlen.

Am Beispiel der allgegenwärtigen Dominanz und Verbreitung des SUV zeigt sich im übrigen deutlich, wie sinnvoll die Einrichtung einer Wirtschaftsdemokratie ist. In institutionalisierter Form eines – sagen wir – Bürgerwirtschaftsrates hätte in einem organisierten Diskurs von wirtschaftlichen, parteipolitischen und zivilgesellschaftlichen Vertretern über den zweifelhaften Nutzen und die evidenten Nachteile einer Einführung des Modells SUV diskutiert werden können. Wer noch eines Beweises bedarf, dass der freie Markt einer – im positiven Verstande – demokratisch vorgeordneten Regulierung bedarf, der findet ihn in den „lackierten Kampfhunden“ und „männlichen Selbstwertprothesen“, die tagtäglich öffentlichen Raum verpesten, verstopfen und besetzen. Die Ausweitung demokratischer Institutionen käme einem nachträglichen dirigistischen Autoritarismus zuvor. Wer sich um die ausgestaltende Differenzierung der Demokratie kümmert, braucht der „autoritären Versuchung“ nicht zu erliegen.

 

 

 

 

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